Der Kampf gegen das Leben

04/08/2019

Klein Lennart! Laß das sein! Hör auf! Nicht Laufen! Stop! Aus! Ruhe!

 

Manche Erwachsene wirken extrem borniert. Bei mir spannt sich, wenn ich den dabei mitschwingenden Tonfall vernehme, alles an. Klar, Kinder haben ihre Spielereien, ihre Unkontrollierbarkeit, aber das ist gut und richtig so, genau so wie es ist, und nicht nur das: Man kann davon ungemein viel lernen, von diesem Interesse am Experimentieren, am unzensierten, ungehinderten Toben und Spielen, mit der Sprache, mit dem Körper, all den Möglichkeiten, die diese Werkzeuge mit sich bringen.

 

Erwachsene, und da zähle ich mich auch dazu, kämpfen dagegen nicht nur gegen diese Kinder, sondern vor allem auch gegen sich selber, und das führt zu Verkrampfung, Unspontanität und das letztlich zu Depressivität und Lethargie. Das muß aber nicht sein, und ich habe mir schon als Junge geschworen, nie so werden zu wollen, als ich damals Erwachsene gesehen habe. Jetzt bin ich aber genauso "groß", letztlich aber doch in vielen Belangen genauso müde, oft doch sehr begeisterunglos, gelangweilt und unoffen gegenüber unbekannten Situationen und Menschen geworden.

 

Wie komme ich da raus? Zu oft habe ich nämlich schon vergangene Prägungen, Leute in meinem Umfeld oder gesellschaftliche Verpflichtungen und Umstände dafür verantwortlich gemacht, daß ich nicht ich selber sein kann. Klar, andere haben mir da sicher vieles reingedrückt, z. B. wie gefährlich und böse angeblich die Umwelt ist, wo dann selbst das Wetter nichts als ein Ärgernis darstellt, aber das Moment für Moment immer wieder neu aufzubauen, das mache ich ganz allein.

 

*

 

Da ist z. B. mein Aufenthalt in London gerade. Als ich im Hotel sehr professionell und effizient bedient, und auch heute im Restaurant sehr freundlich und zuvorkommend von einer jungen Kellnerin behandelt wurde, fiel mir auf, daß bei mir gewohnheitsmäßig das Gefühl entsteht, diese gute Behandlung gar nicht verdient zu haben. Mir geht es noch viel zu gut, und die anderen meinen das gar nicht so, wissen insgeheim, daß ich mir da zu viel herausnehme. Eigentlich sollte ich bescheidener und sparsamer leben usw. usf. Als ich das aber zum Glück merkte, war ich im selben Moment frei davon, und konnte mich fallen lassen.

 

Nun läuft das so bei mir ab, während ich z. B. das tue, was mir gefällt. Mir gefällt z. B. diese Änderung meiner gewohnten Lebensumgebung, auch wenn ich vorher oft gesagt habe, daß ich so etwas gar nicht wirklich will oder brauche. Bevor ich aber lange überlege, habe ich das nun doch gemacht, da ich die freien Tage nicht versacken lassen wollte, und das ging meinem Gefühl am besten, wenn ich auf diese Weise etwas ändere.

 

England habe ich deshalb gewählt, weil mir die Architektur, Gartenkunst und allgemein die historische, alte, gut erhaltene, durch die Kriege nicht zerstörte Gesamtverfassung der Umgebung schon immer gefallen hat, und für mich wie unvergleichliche, qualitative Nahrung wirkt. Ich könnte so stundenlang im Hyde Park nebenan verweilen, z. B. im italienischen Garten. Auch die professionelle, nüchterne, sehr höfliche Art der Menschen paßt gut zu mir. Außerdem wollte ich wieder mein Englisch benutzen, ist es doch etwas steif geworden die letzten Jahre, mit wenig Praxis. 

 

Jedenfalls weiß ich auch, daß es letztlich ziemlich egal ist, wo ich bin. Mir riß heute auch für kurze Momente eine Traurigkeit auf, wo ich nicht mehr weiterging direkt nach dem Restaurant, sondern mich auf eine Stufe saß, und da erstmal für einige Minuten verharrte, weil es nichts zu tun gab, und ich auch nicht wußte, was ich jetzt tun, wohin ich gehen wollen würde. So einen Moment gibt es normal im Alltag nicht, weil sonst immer irgendwelche berufliche, organisatorische Verpflichtungen anstehen. Hier war nun kein Plan mehr, kein ständiges Weitergehen, sondern ich konnte einfach mal da sein, wo ich bin, was aber wirklich erstmal extrem unangenehm ist, weil da scheinbar gar nichts mehr zu sein scheint.

 

Irgendwann fing ich wieder an aufzusehen, wieder wahrzunehmen, wie diese Welt ihren Gang geht, ob in England oder Deutschland oder sonst wo. An der Themse spazierend, war es so, als wäre ich schon immer da gewesen, obwohl ich vorher noch nie dort war. Alles war genau für mich so arrangiert worden, diese gesamte Welt, mit all ihren träumenden Menschen, all den Problemen, die damit einhergehen, all den scheinbar so bedeutenden Sehenswürdigkeiten, Plätzen, Kirchen, Königen, wem oder was auch immer.

 

Ich bin aber nicht für Sightseeing hier. Das ist mir zu wenig. Ich möchte ein Stück weit mehr aus mir herauskommen, auch weiterhin versuchen zu verarbeiten, was ich wahrnehme. Die Leere, ich bin froh, daß sie sich wieder zeigt, denn erst dort begegne ich mir selber. Wenn ich z. B. die Leute in Bars oder auf der Straße wandeln sehe, dann sehe ich sofort, daß diese Suche nach glücklichen Momenten nicht glücklich macht. Erst das Sich-begegnen im Verabschieden der Ablenkungen, und von da das Ausgehen in die Welt, erst das bietet eine Chance auf Erfüllung.

 

 

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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