Einfach machen

04/08/2019

Heute war ich fast den ganzen Tag in London unterwegs: In der Früh im Hyde Park laufen, später viel spazieren. 

 

Ich möchte aber nicht mit unwichtigen Details langweilen. Eine Sache ist mir nur hängengeblieben, weil ich sie als sehr intensiv erlebt habe: Am Bahnhof King's Cross/St. Pancras stand ein Klavier für öffentliches Spielen, viele Leute passierten die Passage auf dem Weg in die U-Bahn, aber keiner setzte sich ans Klavier. Also nutzte ich die Chance und spielte, was mich erstmal Mut kostete, River flows in YouComptine D'un Autre Été und Teile von Für Elise.

 

Leider gingen in den zwei unteren Oktaven jeweils die A-Töne nicht mehr, so daß ich etwas höher spielen mußte, aber es hörte sich auch so gar nicht schlecht an. Ich muß sagen, daß ich nun nicht gerade der erfahrenste und sicher nicht der beste Spieler bin, denn erst vor einigen Monaten bin ich vom Keyboard ans Klavier gewechselt, aber die Lieder, die ich auswendig gelernt habe, konnte ich auch so spielen.

 

Zum Glück waren sie mir in Fleisch und Blut übergegangen, denn sonst hätte ich unter der Nervosität gar nichts hinbekommen. Es lief aber erstaunlich gut, denn in dem Moment ist es wichtig alles um sich herum zu vergessen und nur das eigene Spiel im Auge zu behalten. Die innere Balance ist alles, stellt sich aber nur unter einem gewissen Druck ein, z. B. wenn möglicherweise andere daneben stehen und zugucken.

 

Dieser Druck, der macht richtig wach, und führt zu Kraft. Schritte ins Ungewohnte, nicht aus gezwungener Überwindung, sondern weil es gerade einfach in den Fingern juckt. Was habe ich nämlich zu verlieren? Soll ich warten, bis ich irgendwann "richtig" Klavier spielen kann, und dann erst vor anderen spielen? Wieso kann ich das, was ich eben kann, nicht jetzt schon einfach performen, auch wenn es vielleicht nichts Besonderes ist? Ich meine, es wird immer jemanden geben, der besser ist, aber wieso soll mich das aufhalten? 

 

Es ist immer der Verstand, der die Energie wieder rausnehmen möchte, auf Nummer sicher gehen will, und erst meint dann erst "richtig" leben zu können, wenn ich alles gelernt und verstanden habe. Dieser Moment wird aber nie kommen, weil nie alle Baustellen bereinigt sein werden, genau wie eine Stadt ständig neue Baustellen haben wird.

 

In dem Moment selber habe ich auch weit mehr über das Leben gelernt, als in all meinen Lebensjahren zuvor, wo ich z. B. meinte, durch Selbsterkenntnis schon gewisse Zusammenhänge verstanden zu haben. Das ist Käse. Ich bekam z. B. ungemein viel mehr Respekt vor Musikern, Schauspielern oder Künstlern, die es gewohnt sind, im Mittelpunkt zu stehen, und dort ihre eingeübten Fähigkeiten zur Schau zur stellen, und dabei auch gemerkt, daß mir die Energie dabei sehr zusagt. Es ist ein ganz anderes Leben, nicht als graue Maus, unbedeutend und klein, sondern das Leben am Schopfe packend, freudig, mutig und offensiv. 

 

Das Etikett Schüchternheit, welches mir nachgesagt und ich mir selber auch dauernd vorgesagt habe, ist nun ein für alle mal erledigt. Ich brauche mich nicht mehr mit beschränkenden Eigenschaften einschränken lassen.

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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