Unfreiwilliger Zölibat (Incel) | Das Leben als Spiel | Meine Ausstrahlung der Hilfsbedürftigkeit

21/08/2019

Thema: Unfreiwilliger Zölibat

 

Im englischsprachigen Raum gibt es dafür eine Abkürzung, die auch meine Situation gut beschreibt: Incel (Involuntary celibacy). Doch das bedeutet nicht, daß es nun für solche Leute eine Lobby gibt. Der deutsche Wikipedia-Eintrag über diesen Begriff ist absolut verachtenswerter Schund, denn dort werden Incels als Frauenhasser, und sogar als potentielle Amokläufer beschrieben, gemeingefährlich und vor Haß triefend. So viel also zur öffentlichen Meinung darüber.

 

Das, was ich durchgemacht habe, würde jeden Mann nicht nur demütigen, es wäre reinste Folter, schlimmer als jede körperliche Bestrafung. Nicht mal dem schlimmsten Feind würde man so etwas wünschen. Und diese Erfahrung bzw. Nicht-Erfahrung ist durch nichts wieder gut zu machen, egal ob ich vielleicht doch noch einmal Sex haben sollte, oder nicht. Die Jahre sind nämlich futsch, gegessen, flöten gegangen. Es hat mich unweigerlich gezeichnet.

 

Wenige kennen das, Frauen schon gar nicht, weil für die meisten Sex immer verfügbar ist. Deswegen ist da auch kein Verständnis für obige Beschreibung zu finden, gilt als Übertreibung, das ist doch nicht schlimm, andere haben es härter, oder als Lüsternheit Männer denken nur an Sex. Auch die meisten Männer kennen das nicht, selbst wenn sie einem das weismachen wollen. Dann sollen sie mal zehn Jahre auf Erotik verzichten, dann will ich noch ihre schulterklopfende Erfolgs- und Gönnermine sehen.

 

Ein Punkt ist jedoch in dieser scheinbaren Unerträglichkeit jetzt doch glasklar: Nachdem ich all diese Jahre so gelitten habe, bin ich jetzt doch da, ich habe es überstanden. Und damit auch automatisch die Erfahrung, daß es doch irgendwo erträglich gewesen ist. Es ist kein Weltuntergang.

 

Das meiste Leiden erzeugt doch letztlich immer nur die Hoffnung, daß da noch was Großes passieren soll. Damit degradiere ich aber alles, was zwischen jetzt und diesem großen Moment liegt, zu einem Mittel zum Zweck für diese zukünftige Erlösung, die da heißt: Sex. Ich halte es ohne Sex nicht aus.

 

Dies ist aber im Kern ein Glaubenssatz, der sehr überzeugend wirkt, weil ja auch die ganze Biochemie von Grund auf diesen Satz unterstützt. Das macht es aber deshalb nicht automatisch wahr. Viel eher paßt die Umkehrung: Mein Denken hält es ohne Sex nicht aus. Ich muß sagen, daß das voll zutrifft, denn mein Verstand ist regelrecht besessen, zerfrißt sich manchmal stundenlang selber, spinnt herum, wütet, läßt mich fast schon verrückt werden, schmiedet wirre Verwirklichungspläne.

 

Mein Körper hält es im Gegensatz dazu ohne Sex doch erstaunlich gut aus. Klar, da ist sehr oft ein Kribbeln in den Lenden, aber es ist erträglich. Unerträglich wird es nur im Denken, was mit dieser Energie nichts anzufangen weiß, weil es da einfach physikalisch nicht hingehört. Im Vierten Weg ist das sehr gut mit der Lehre der Zentren erklärt: Arbeitet das Denk-Zentrum mit der Energie eines anderen Zentrums z. B. des Sex-Zentrum, so entstehen krankhafte Auswüchse, bei mir zwanghaftes, exzessives, immer weiter führendes Surfen und intellektuelles Beschäftigen und Lesen, bei dem ich mich gar nicht so selten erwische. 

 

Das Problem ist die Ausrichtung des Lebens auf hohe Erwartungen in der Zukunft. Ich merke, daß mir das schadet, und mich zu einem Bettler degradiert, der sich von irgendwelchen Ereignissen abhängig macht, die möglicherweise nie eintreten werden. Das läßt mich warten, oder suchen, und dafür ist dieses Leben definitiv nicht da.

 

Der Fehler in der Sexsucht ist nämlich, daß da reflexartig die Außenperspektive Überhand nimmt, d. h. es soll von außen etwas kommen, was mich stimuliert, ähnlich dem Konsumwahn in den Innenstädten, oder wie ein Kinofilm, den ich mir reinziehe, damit er mich belustigen soll, oder wie die süße Stimulanz durch eine Packung Pralinen, die ich mir reinpfeife. Ich bin wie ein abhängiges Baby, daß nach ständigem Nachschub schreit, und wehe es kommt mal nichts, und ich kriege nicht das, was ich will! 

 

Sex ist in Wahrheit aber kein Konsumprodukt, wie es leider normalerweise gesehen wird, denn es erfordert - um wirklich erfüllend zu sein, nicht nur oberflächlich zu reizen - mehr von einem Menschen: Komplette Einfühlsamkeit und Empfindsamkeit, totale Verletzlichkeit und Zärtlichkeit. Das kann ein Mensch nicht einfach nur konsumieren.

 

Wie gehe ich also weiter mit diesem "Incel"-Dasein um, wenn ich meine Lebenumstände mal darauf zurückführe? Wobei es irgendwo auch idiotisch ist, sich einzig und alleine auf so eine Weise zu definieren. Neu ist für mich, daß Selbstmitleid praktisch gar nicht mehr auftritt, einfach, weil die Gedanken, die mich unglücklich werden lassen, im selben Moment als unnötige Last durchschaut werden, die ich nicht nötig habe und nicht weiterbringt. Dadurch ist Raum da, so daß es mir in letzter Zeit sogar passiert, daß einfache, kurze Begegnungen mit Frauen positiv gestaltet werden, und ich merke, daß der Frau, wie auch mir, das gefällt, und im selbem Moment egal ist, was weiter passiert. Es ist mehr wie ein Spiel, kein tödlicher Ernst.

 

*

 

Und was ist ein Spiel? Ein Spiel erfüllt bereits dann seinen Sinn, wenn es gespielt wird. Erfolg oder Mißerfolg kann es zwar immer noch geben, verlieren aber ihre gewohnte Bedeutung. Und das Interessante ist, daß alles im Leben so gesehen werden kann, Frauenkontakte, Freundschaften, berufliche Verwirklichung, finanzielles Nach-vorne-kommen. Wieso das nicht wie Monopoly sehen? Mal kommt mehr Geld, mal ist weniger auf dem Konto. Am Ende kommt so oder so wieder alles in die Box.

 

Friedrich Schiller beschrieb das bereits im 18. Jahrhundert:

 

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

 

Das mit den Frauen kann damit genauso aufgeschlüsselt werden. Ich habe zwar oben von Leiden geschrieben, von Unermeßlichem sogar, aber das geht nur, wenn ich mich mit diesem Typen identifziere, der da leidet. Der mehr haben will, oder der meint zu wenig von etwas zu haben oder zu erleben, ständig mit der Ungerechtigkeit des Spiels hadert. Am klarsten dringen jedoch Worte von Ramana Maharshi durch, weil sie weit tiefer greifen:

 

Geist ist nichts anderes als die Identifizierung des Selbst mit dem Körper. Damit wird ein falsches „ich“ geschaffen, das aus sich heraus wieder falsche Erscheinungen schafft und sich unter ihnen umherbewegt; alles dieses ist Wahn.

 

Das Selbst ist die einzige Wirklichkeit. Verschwindet diese irrtümliche Identifizierung, dann wird das Beharrende der wahren Wirklichkeit sichtbar. Das bedeutet nicht, daß die wahre Wirklichkeit nicht auch jetzt gegenwärtig sei. Sie ist immer da, bleibt ewig dieselbe und wird von jedermann erfahren; denn jeder weiß, daß er ist. […]

 

Das falsche „ich“ ist mit Objekten verbunden; es ist sogar sich selbst Objekt. Objektivität aber ist Irrtum. Das einzige Subjekt, das es gibt, ist die Wirklichkeit. Verwechseln Sie sich nicht mit dem Objekt, nämlich dem Körper. Das läßt das falsche „ich“ aufsteigen und im weiteren Verlauf die Welt und Ihre Handlungen darin mit all dem Leid, das sich daraus ergibt. Halten Sie sich nicht für dies oder jenes oder irgend etwas; glauben Sie nicht, so oder so zu sein, oder der und der; Sie brauchen nur Schluß mit dem Irrtum zu machen; die Wirklichkeit offenbart Sich selbst.

 

- Ramana Maharshi: Gespräche des Weisen, S. 56, Quelle

 

"Glauben Sie nicht, so oder so zu sein, oder der und der". Hier ist der Ur-Schlüssel. Die Identifzierung: Ich bin der Incel, der Verstoßene, der Unbeliebte, Verratene, zu Enthaltsamkeit gezwungene, arme Tropf bla, bla. Ab da geht es nur Berg ab den Bach hinunter. Diese Person kann niemals glücklich werden, selbst wenn ihr das passiert, was sie sich wünscht. Sie wird dann zum ehemaligen Incel, aber es droht immer die Gefahr wieder zu ihm zu werden, wenn die Bedingung wegfällt, die ihn von diesem Dasein entledigt hat. Das, was neu dazukommt, will nämlich festgehalten werden, jeder neue Zustand, der angeblich etwas Neues mit mir macht. Dadurch entsteht aber unweigerlich auch die Angst, daß es wieder verloren gehen könnte z. B. Sex, oder auch Geld, Ruhm, Macht, Firmenposition.

 

Weitere Formen dieser Identifizierung: Dieser Typ sucht dann die Gemeinschaft von anderen Opfern und Außenseitern, die sich auch alle als Personen definieren, die leiden. Dann gibt es noch die Bemitleider, die diesen armen, leidenden Typen sehr bemitleiden, weil er ja so sehr leidet, sowie die Gönner, die versuchen zu helfen, daß diese leidende Person vielleicht weniger Leid erfährt, wie z. B. die gutmenschlichen Retter all die Flüchtlinge retten wollen, die all unsere Hilfe benötigen, und sich dann sehr edel fühlen können, in ihrer guten Tat. Sie sind nämlich die Guten.

 

All das sind Selbstbilder, die jeder Mensch in irgendeiner Form aus jede seiner Poren aussondert, alleine in einem Gesichtsausdruck, in einer Äußerung. Dabei ist gar nicht mal die positive Absicht entscheidend. Jeder hat das, da braucht sich niemand was vormachen, wie auch ich nicht davor gefeit bin. 

 

*

 

Was ich vor allem ausstrahle, und ich merke es immer wieder, ist Hilf- und Ratlosigkeit, verbunden mit einer großen Portion Selbstmitleid. Das zieht vor allem Personen an, die mir helfen wollen, die sich dann für mich in die Bresche schmeißen, was mir in gewisser Weise schmeichelt, weil ich mir dann sehr wichtig vorkomme, nämlich, daß meine Person für eine andere Person so eine Bedeutung hat. 

 

Letztens habe ich z. B. die Schnur des Freischneiders neu aufziehen wollen, wobei ich etwas länger brauchte. Ich hätte es auch hinbekommen, aber ein fremder Mann, der auch daneben arbeitete, kam zu mir, nahm mir die Arbeit ab, und zog die Schnur für mich auf, ohne daß ich ihn um Hilfe bat. Ich bedankte mich dann zwar, wußte jedoch, daß das etwas Entscheidendes über mich zeigte, wie ich wirke und wer ich bin.

 

Es sind dann vor allem Leute, die mir dann zeigen: Hier, ich kann es, du kannst es leider nicht. Und die mir dann auf die Schulter klopfen, daß ich es vielleicht doch auch mal schaffe, und so kompetent werde wie sie, wenn ich mir Mühe gebe. Es muß gar nicht mal negativ gemeint sein, aber es degradiert mich auf eine Weise, die mir noch gar nicht richtig bewußt ist, weil ich das als Geschenk der Gegenseite nehme. In Wahrheit aber fühlt sich der Helfer in einer moralischen Überlegenheit, während ich mich weiter in meiner (scheinbaren) Unterlegenheit suhlen kann, die Aufmerksamkeit des "Erfolgreichen" genießen zu können. Ich kleiner Wurm werde endlich auch mal beachtet.

 

Ich merke, daß das fast mein ganzes Leben durchzieht, angefangen von ersten Erfahrungen mit Menschen überhaupt, über Lehrer, Trainer, Chefs, bis heute. Z. B. daß ich unglaublich dankbar war, als ich in meiner jetzigen Firma vor etwa drei Jahren die Ausbildung anfangen konnte; ich bin so froh, daß mich jemand nimmt, endlich bin ich würdig; auch da zu sehen, die unterwürfige Haltung. Oder noch vom Handball: Ach bin ich froh, daß der Trainer mir vertraut und mich aufstellt, eigentlich habe ich ja nicht verdient, daß er mich für geeignet hält. Oder mit meinem Vater: Man kann ich froh sein, daß er mir endlich zutraut, daß ich in meinem Zimmer alleine Laminat verlegen kann. Vielleicht bin ich ja doch nicht so ein hoffnungsloser Fall?

 

Es ist sehr wichtig, diesen Mechanismus weiter zu beobachten. Ich mache da nämlich etwas aus mir, was ich gar nicht bin. Ich bin nämlich nicht hilf- und ratlos, sondern meinem Gefühl nach ist mir noch gar nicht klar, daß ich den meisten Menschen in vielen Belangen Längen voraus bin, was z. B. Klarheit, Fleiß oder Sensibilität angeht. Aber ich bin ja bescheiden, so etwas darf ich nicht denken. Wer sowas denkt, ist doch völlig in seinem Egowahn verloren, total selbstverherrlichend. Ich muß geduckt gehen, und darf dankbar über jeden Krumen sein, der mir gereicht wird.

 

So lächerlich das klingt, aber so laufe ich herum; mir fällt es nur nicht auf, weil es wie ein ständiges Hintergrundrauschen abläuft, das immer aktiv ist und deswegen nicht mehr wahrgenommen wird. Andere reagieren aber instinktiv darauf, weil sie das bei mir sofort spüren. Da sie das ja selber so nicht haben, können sie das bei mir sofort wahrnehmen. Wie im Film Und täglich grüßt das Murmeltier begegnet mir schallplattenmäßig das immergleiche menschliche Verhalten. Durch die Schleife, mit der routinemäßig Leute immer wieder auf mich reagieren - nicht nur im oben genannten Fall - bekomme ich nun erst eine zarte Ahnung, daß da was nicht stimmt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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