Die Entdeckung des Klassischen

22/10/2019

Weiteres was mir auch bezüglich meiner Zimmereinrichtung auffällt: Hart gesagt, habe ich fast nur billige Möbel: Einen Jugendzimmer-Schrank, einen Schreibtisch vom Roller, einen schlichten Bücherschrank von den Vermietern bereitgestellt, eine alte, abgesessene Couch. Es ist nun nicht schrecklich, alles erfüllt seinen Zweck, nur ist das alles nicht wirklich ästhetisch und es trifft meinen Geschmack nicht. Ich wußte bis jetzt noch nichtmal, daß ich überhaupt einen habe, denn bisher beschränkte sich bei mir alles nur auf Funktionalität, und ob etwas preiswert ist. Einen eigenen Geschmack zu haben, schien für mich wie Luxus zu sein, sowas brauche ich doch nicht. Aber damit lebe ich nun in einem Zimmer, welches mir in Wirklichkeit nicht gefällt, und ist das nicht fatal? Der Raum, in dem ich doch sehr viel Zeit verbringe, für den ich Miete bezahle, und den ich mit gerade so zufällig in die Hände geratenen Dingen vollstelle? Ich merke jetzt, daß das doch wirklich ziemlich armselig ist, eine absolute Verkümmerung darstellt.

 

Als ich letztens bei jemandem durch das Wohnzimmer ging, fiel mir sofort der dunkle Bücherschrank auf, der sehr antik wirkte und dessen Holz verziert war. Er strahlte sofort Qualität aus. Mich versetzt so eine Einrichtung immer in einen ruhigeren, fast schon ehrfürchtigen Gemütszustand. Es hat einfach etwas Verlässliches, wie es in fast allen Eindrücken klassischer Natur zu finden ist, sei es in Architektur, Uhrmacherkunst, bei Musikinstrumenten oder in einem Schachspiel. 

 

Ich erinnere mich, daß ich vor ein paar Jahren auch hin und wieder als Umzugshelfer gearbeitet habe, und dort bei einer alten Frau in ihrem Haus ein altes Sekretär ausgeräumt habe. Das Gefühl an diesem Mobelstück zu sitzen hat sich so dermaßen eingeprägt, daß ich das nie wieder vergessen werde. Da war so viel Geschmack in diesem Gegenstand, eine spezielle Ausstrahlung. Er hatte in gewisser Weise eine Geschichte zu erzählen. Der intensive Geruch des Holzes liegt mir immer noch in der Nase.

 

Ich verstehe jetzt auch, wieso Menschen gerne auch antike Möbel suchen und kaufen, selbst wenn sie nicht billig sind: Sie strahlen diesen bestimmten Wert aus, den z. B. Ikea-Schränke nie haben könnten, und deswegen auch nie als klassisch gelten werden. Es geht jetzt nicht darum, alles mit alten Dingen einzurichten, mir geht es darum, unterscheiden zu lernen, und auch herauszufinden, wie mich ein Einrichtungsgegenstand fühlen läßt, da näher hinzuspüren, und danach zu entscheiden, ob es gut wäre, mich damit zu umgeben. Das wahllose Sparfuchsen und Qualität-übergehen wird mich langfristig nicht glücklich machen, das ist gewiß.

 

Das Interessante am Klassischen ist, daß es immer vor der eigenen Nase war, nur hat man es immer übersehen, weil das angeblich Neue, Moderne als so viel besser dargestellt wurde, was es aber in den meisten Fällen gar nicht wirklich ist. Man schaue sich doch mal die Autos von heute an, die gegenüber Oldtimern nur dumm aus der Wäsche gucken können, was Eleganz und Schönheit angeht. Oder von Malerei oder Musik gar nicht zu reden. Es gilt sich nur wieder auf das zu besinnen, was eh schon immer da war, was sich schon über mehrere Generationen bewährt hat. Das schließt natürlich neue Entwicklungen nicht aus, soll es auch gar nicht, aber es geht darum wieder eine Schärfe in der eigenen Wahrnehmung herauszukristallisieren.

 

Es ist nämlich gar nicht mal so irrelevant, wie leider auch viele in meinem Alter meinen. Es ist eine reichhaltige Welt mit Erschließungschancen für einen selber.

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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