Im Tun verloren

20/11/2019

Am hoffnungslosesten verloren sind diejenigen, die meinen, durch ihr Tun irgendwie freier werden zu können. Bewundert werden die Unternehmer, die Macher, die Erfolgreichen, die Kreativen, die sich angeblich näher zu sich hin entwickelt haben. Auch historische, berühmte Personen können da herangezogen werden. Das ist ein gigantischer Trugschluß, denn so imposant, so respektabel jede Art menschlicher Leistung sicher ist: Sie führt nicht automatisch dazu, daß jemand sich selber begegnet. Ganz im Gegenteil führt das oft zu ganz anderen Effekten, zu einem Sich-verlieren als Workaholic, zu einer Abgehobenheit, die durch mögliche Erfolge und Gewinne entstehen können.

 

Das Bei-sich-sein ist und bleibt immer der Ausgangspunkt, ohne den alles Tun ein sinn- und zweckloses Sich-abstrampeln in einer Mühle des Scheinsinns ist. 

 

Natürlich ist Arbeiten, Tun, Machen nicht falsch, aber auf dieser Ebene sind Menschen schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden zugange, haben aufgebaut, erschaffen, und wieder zerstört, neu angefangen, wieder und wieder und wieder. Alleine die Zeitgeschichte sollte doch stutzig machen, wie z. B. sechs der sieben antiken Weltwunder nur noch Legenden, vom Erdboden verschluckt sind. Aber Generationen haben ihre Arbeit, ihr Herzblut in den Bau investiert, wenngleich es die Zeit nicht überdauert hat.

 

Ich komme immer mehr dahin das zu durchschauen, den automatischen, reflexhaften Respekt vor Leistenden zu verlieren, wenngleich ich natürlich selber auch einer bin. Ich finde es gut, etwas zu tun. Aber es ist nur dann wirklich gut, wenn dieses Tun nicht nur Mittel zum Zweck ist, z. B. für Prestige oder Geld, und vor allem: Nicht der Selbstablenkung dient, sondern ein Selbstausdruck ist als jemand, der gerne beiträgt. Einfach nichts zu tun wäre letztlich auf Dauer todlangweilig.

 

Aber: Sich im Nichts-Tun einzurichten ist die Grundvoraussetzung für jegliches Tun. Wer das nicht kann, kann so viel können, wie er will, er bleibt ein Getriebener, ein rastloser Wahnsinniger. Der mag dann auf den sich selbst Besinnenden herabsehen, weil der vielleicht weniger kann oder tut. Aber so jemand kann einem dann nur Leid tun, denn die eigentliche Antwort drängt sich eben nicht auf, wird nicht erarbeitet oder errungen, wirkt eben nicht imposant und beeindruckend, sondern schlummert fast schon unmerklich immer im Hintergrund, nur auf einen wartend.

 

Man nennt sie auch: Fachidioten. Das ist mir während einer Dokumentation über Gartenbau aufgefallen, die ich bei einem Filmabend meiner Firma angesehen habe, bei der die Aufnahmen und Beschreibungen wirklich sehr interessant waren, jedoch so Sachen wie Klimawandel wieder aufkamen, wo mir richtig übel wurde, als ich gesehen habe, wie dumm jemand, der eine Disziplin sehr gut beherrscht, doch auf der anderen Seite letztlich ist. Ich kann so einen Menschen dann nicht mehr wirklich ernstnehmen, wenn er diesen Schwachsinn unhinterfragt mitverbreitet, auch wenn das, was er in seinem Fach tut doch sehr ehrenwert ist.

 

Für mich geht es also um Folgendes: Frei werden vom falschen, aufgezwungenen Respekt, der nicht aus mir spontan erwächst, sondern moralisch gefordert ist, Man muß jemanden respektieren, der dreißig Jahre Berufserfahrung hat. Man habe nicht das Recht dazu, dazu etwas zu sagen. Man muß also erst Erfahrungen sammeln um eine unverstellte, klare Wahrnehmung zu empfinden? Wann ist man dann an dem Punkt, das zu dürfen, nach fünf, zehn, zwanzig Jahren, bei so und so viel bestätigendem Beifall, bei so und so viel nachweisbarem Können? Wann bin ich an dem Punkt, endlich mal bei mir zu sein, wann habe ich mir das endlich erarbeitet?

 

Jeder sollte nun selbst an den Punkt kommen zu merken, wo an diesem Denken der Haken liegt.

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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